Gespenster

Die anwesenden Nichtanwesenden mischen sich in unser Leben ein. Sie respektieren unsere Grenzen nicht, vielmehr sind wir selber schuld, da wir die Grenzen auch nicht respektieren, nicht die eigenen und nicht die der anderen. In Wahrheit gibt es Grenzen gar nicht, es gibt nur die Erinnerung an ein Wort. Die Gespenster sind gegenwärtig, ohne vorhanden zu sein. Sie existieren in ihrem Raum außerhalb von Ort und Zeit und sind doch jederzeit abrufbar. Sie befinden sich an einem Strand, auf einer Hochzeit, in einem Restaurant, wo auch immer, aber in Wirklichkeit sind sie bei uns, mischen sich in unser Leben ein, bringen es durcheinander, und wir wollen das eigentlich nicht, aber können auch nicht darauf verzichten.

Wenn die Gespenster gelegentlich in Fleisch und Blut erscheinen, erkennen wir sie fast nicht, nicht einmal ihre Stimmen, die doch immer so viel mitzuteilen haben, was wir wissen müssen oder auch nicht, egal. Während wir z.B. die Zähne putzen, können wir zuhören, wir müssen die Stimmen nur auf die Spiegelablage im Bad legen oder auf den Waschbeckenrand - das aber vorsichtig bitte - und den Lautsprecher anstellen.

Schlimm ist es, wenn zusätzlich zu den Gespensterstimmen auch noch andere Stimmen zu hören sind, wir, kurz mal unterbrochen, sorry, gerade wichtig, konfrontiert werden mit Sätzen, die uns noch weniger angehen, die aber in uns eindringen und da ihr Unheil anrichten.

Die Gespensterbilder zeigen, was wir, da, wo wir gerade sind, nicht sehen können und auch nicht sehen sollten, weil es uns nichts angeht, kriechen aber durch die Augen in uns hinein und richten dort ihr Unheil an. Die Gespenster sind allgegenwärtig, viel gegenwärtiger als die Gehenden, Stehenden, Liegenden neben uns., die wir, obwohl wir uns oft danach sehnen, nicht wegklicken können.

Sie, die Gespenster, existieren außerhalb von Raum und Zeit, sind völlig schwerelos, substanzlos, und deshalb wollen sie sich verzweifelt zeigen, mitteilen und drängen sich auf. Uns, die wir uns nicht wehren können, die wir uns selbst aufdrängen oft genug.

Wenn wir die Gespenster lieben, warten wir, dass sie sich zeigen, wenn wir sie hassen, wollen wir wenigstens wissen, wo sie sind, was sie machen. Und wir erfahren es auch. Die Verbindung ist fest, wir können sie nicht lösen, wenn wir sie lösen wollen, zittern unsere Hände, der Mund wird trocken und wir fühlen uns verloren. Wir gaben ihnen Macht und können sie nun nicht wieder zurückfordern, naja, manchmal vielleicht ein bisschen, für einige Stunden, einigen wenigen gelingt es, die Macht für sich ganz allein zu behalten sogar eine ganze Woche lang, ganz selten zwei. Aber dann werden wir verfolgt und wenn wir die Gespenster wieder herbeilocken, werden wir von ihnen überschwemmt und verschluckt. Dann doch besser nicht zwei Wochen offline.

Ob sie überhaupt noch lebe, fragte die Freundin in einem irgendwie beleidigten Ton, denn ihr wurde nicht zum Geburtstag gratuliert. Dass man das jetzt erklären muss, schreit sie in den Kasten auf dem Beifahrersitz, dass man sich jetzt noch rechtfertigen muss, schreit sie dem Gespenst entgegen, und dass die Freundin ein Gespenst sei. Was? Ephemär, durchsichtig, formlos, da sie sie schon seit Jahren nicht gesehen habe. Sie wisse doch... Jaja, sie wisse. Ein Gespenst sei sie, eine Stimme, ein Bild, das nicht in ihr Leben gehöre. Nicht? Nein, schreit sie, eigentlich nicht. Aber.... Ja, schreit sie, natürlich bist du wichtig, du bist die Wichtigste für mich, aber du bist Buchstaben in einem gelbgetönten Quadrat oder seltsame Koboldgesichter auf einer Linie. Du bist ein Gespenst. Ein geliebtes Gespenst?, fragt die Stimme aus dem Kasten auf dem Beifahrersitz. Ja, sagt sie, ein geliebtes Gespenst. Dann empfängt sie ein Koboldgesicht, das einen Kuss in Form eines Herzens ihr entgegenschleudert, auch ein heftig pochendes riesiges, rotes Herz, und zuckt zurück und weint.Click here to edit...


Diese Geschichte befasst sich mit den modernen Kommunikationsmitteln, es ist eine Uranus-Merkur Geschichte. Wir kommunizieren, tauschen uns aus (Merkur) und dies geschieht auf eine moderne, technologische Art (Uranus). Wir haben als Gattung diese Möglichkeiten der weltweiten Vernetzung geschaffen und dabei vielleicht ein wenig übersehen, dass wir als Menschen in Fleisch und Blut, im Körper, den anderen auch in seiner körperlichen Anwesenheit brauchen (Mondprinzip), um wirkliche Nähe herzustellen, was der Uranus, der die grenzenlose Freiheit , die Freiheit des Geistes verkörpert, vielleicht oft nicht wahrhaben will.