Das Wir

Der dritte Blick

Wir wurden gemeinsam in einen Schmelztiegel geworfen. Zwei Hände griffen uns am Schlafittchen, hoben uns auf von da, wo wir gerade standen, saßen oder lagen, hielten uns einen kurzen Augenblick lang zappelnd über dem Schmelztiegel in der Höhe und ließen dann los.

Im Tiegel gelandet zappelten wir eine Weile weiter herum, versuchten wohl auch herauszuklettern, mussten aber bald einsehen, dass das unmöglich war. Dann lösten wir uns langsam auf im heißen Wasser, heiß durch die Hitze des Feuers unter uns, das die Hände angezündet hatten, und wurden umgerührt. Einzelne Teile von uns schwammen noch eine Zeit lang isoliert herum, dann verloren auch sie sich im Gebräu, das entstand und als Nährboden diente für eine neue Gestalt, die, als das Feuer fast erloschen und das Wasser bereits etwas kälter geworden war, dem Tiegel entstieg.

Das war das WIR. Das Wir, anfangs noch unsicher auf den Beinen, wie ein Kleinkind, wuchs schnell, lief umher, wurde gesehen, fügte sich ein in die Welt, handelte in ihr.

Das WIR zeugte Kinder, verdiente Geld, kaufte ein, sah Filme im Kino, baute Ikearegale zusammen und wieder auseinander und schlief in einem Doppelbett, denn es war sehr groß.

Sorgsam und liebevoll wurde es weiter von den Händen gefüttert, die es im Tiegel umgerührt hatten, und gedieh und wuchs und wuchs zu so gigantischer Größe heran, dass es eines Tages zerplatzte, und die Hände, die es gefüttert hatten, zogen vorsichtig aus der Masse mit spitzen und fast zittrigen Fingern wieder Einzelteile heraus, die sie mühsam, denn sie gingen akkurat und penibel vor, wieder zusammensetzten, und siehe da: Heraus kam kein WIR mehr, sondern die zwei Einzelwesen, die der Schmelztiegel verschluckt hatte. Mit hilflos herabbaumelnden Armen standen wir da und sahen an uns herab und uns an. Unsere Augen suchten den Tiegel, unsere Beine wollten schnell wieder hineinklettern, aber da war kein Tiegel. Die Hände hatten ihn beiseite geschafft.

Wir gingen in verschiedene Richtungen davon. Wir kauften zwei neue Autos und bezahlten die Steuern getrennt, wir verteilten die gezeugten Kinder in zwei neue Wohnungen und sahen unterschiedliche Filme im Kino. Ab und zu telefonierten wir, wenn wir zum Beispiel Unterlagen suchten, die die Anwälte forderten, oder als eines der Kinder eine Platzwunde hatte und genäht werden musste.

Während die Zeit fortschritt, gewöhnten wir uns immer besser an die Einzelteile, aus denen wir zusammengesetzt waren, sie kamen uns auch bekannt vor, denn vor dem Wurf in den Tiegel hatten sie sich ähnlich angefühlt. Wir fuhren allein in den Urlaub und kletterten auf Bergen herum oder lagen faul in der Sonne. Wir ließen das Fenster nachts auf oder geschlossen. Wir strichen die Wohnzimmerwände gelb oder grün. Wir aßen vegetarisch oder Fleisch. Wir hörten Musik aus dem Autoradio oder legten ein Hörbuch ein.

Wir wollten uns vergewissern, dass das WIR tot war, wir wollten eine Garantie mit Brief und Siegel und Unterschrift der Hände, die es zustande gebracht und wieder auseinander gepflückt hatten.

Und als wir uns eines Tages in der Stadt begegneten, erkannten wir uns erst beim zweiten Blick. Beim ersten Blick aber hatten wir Hände gespürt über uns, die uns am Schlafittchen packen und in einen Tiegel werfen wollten. Das hat uns sehr erschreckt. Aber eher verwundert. Und so drehten wir uns noch einmal herum, als wir schon davongingen, gleichzeitig, und warfen uns noch einen Blick hinter- her, einen dritten Blick.

Wir waren das.