Eigentlich

Eigentlich

Sie hat sich für die Familie entschieden. Lass die anderen reden. Ja, sie wird von ihm versorgt, er verdient das Geld. Aber schließlich hält sie ihm den Rücken frei. Während er hinter ihr steht. Ja, sie steht und beide Hände sind frei für die Kinder. Er steht hinter ihr und fängt sie auf. Sie schützt, da sie vor ihm steht, seinen Bauch, die ganzen empfindlichen Weichteile schützt sie. Sein Rücken ist frei. Noch dreht er sich nicht um in diese Freiheit hinter sich. Noch sehen sie beide nach vorn.

Wenn sie ehrlich ist, und es ist nicht ganz einfach, ganz ehrlich zu sein, wenn man immer wieder erklären muss, dass man auf die Karriere - was soll das überhaupt sein - verzichtet, weil das, was sie tut, wenig gewürdigt wird, wenn sie also ehrlich wäre, würde sie zugeben vor sich selbst, dass sie nicht verzichtet, sondern einer Angst nachgegeben hat. Die Welt ist feindlich. Sie braucht jemanden, der hinter ihr steht, an den sie sich anlehnen kann, wenn sie fällt.

Ihre Tage sind gefüllt. Gestern hat sie Kuchen gebacken für das Klassenfest des Sohnes. Sie hat ein eigenes Auto, mit dem sie die Kinder zum Sport und zur Musikgruppe fährt. Im Sommer war sie eine Woche mit der Freundin auf Kreta, einfach mal alles abschütteln, nur in der Sonne liegen, Vollpension und keine Pflichten. Sie hat versucht, ein Buch zu lesen, sie wollte es wirklich gerne lesen, aber nach zwei Seiten schlief sie immer ein. Im Bett, auf der Liege am Strand. Dann hatte sie vergessen, was sie gelesen hatte und musste wieder von vorne anfangen, bis sie merkte, dass es sie nicht interessierte und auf die Whatsapp- Nachrichten der Familie wartete. Es gelang ihr nicht, das Handy im Zimmer zu lassen. Sie lachte mit der Freundin über das Foto des Mannes in der Küche, der die Pfannkuchen in die Luft warf und ihr einen Kussmund zu.

Die Kinder studieren dann Wirtschaftsingenieur oder so. Jedenfalls geht alles gut. Man hat ihnen gute Wurzeln mitgegeben. Auf einem Klassentreffen sagte sie einmal, Erziehung sei eigentlich einfach, man brauche nichts als liebevolle Konsequenz. Wahrscheinlich hat sie Recht. Die Kinder machen das Übliche durch. Wie z. B. Pubertät. Keiner gerät an Drogen oder wird schwanger mit fünfzehn. Allergien gehen weg, wenn man die Desensibilisierungstermine strikt einhält. Übergewicht kriegt sie schnell in den Griff durch vernünftiges Kochen und mehr Sport. Sie hat sich als wirklich kompetent erwiesen, und wenn Verwandte oder Freunde zu Besuch kommen, sind die Kinder höflich. Sie bieten im Bus ihren Platz an.

Während sie auf Kreta nicht entspannt, erweist sich auch der Mann als wirklich kompetent. Nichts bricht zusammen. Keine Beschwerde der Kieferorthopädin. Die Mathearbeit ist eine zwei. Sie muss nicht einmal die Küche putzen, als sie zurückkommt.

Da flog es sie zum zweiten oder dritten oder auch zum vierten Mal an, dies Gefühl, dass sie eigentlich wenig vonnöten ist auf der Welt. Dass vielleicht die ganze Welt wenig vonnöten ist. Der Kosmos, das All, was auch immer. Nicht einmal der Nagellackentferner hier im Regal, den sie die ganze Zeit gesucht hatte, weil von Meer und Sand und Sonne die Nägel so .....Und dann musste sie sich, als die Wäsche in der Maschine war, wo hoffentlich der ganze Restsand herausgespült würde, einfach mal hinsetzen und sitzen bleiben. Wie gelähmt. Sie hätte gerne eine Zigarette geraucht, aber das hatte sie aufgegeben in der ersten Schwangerschaft und nicht mal das Angebot der Freundin im Restaurant beim Ouzo hatte sie angenommen. Nein, stimmt nicht, erst doch. Der Sonnenuntergang war so malerisch. Aber nach zwei Zügen hatte sie lachend die Zigarette in den Ascher gedrückt.

"Eigentlich" ist das Wort, das in ihrem Kopf herumwandert. "Eigentlich" sagen die Freunde, mache sie es doch richtig. Was soll diese Hetzerei zwischen Job und Familie, dieses Sich-Aufreiben, das man sowieso nicht schaffen kann. Eigentlich.

Jetzt, beim Geräusch der Waschmaschine, ist sie wütend auf ihren Mann. Er hat ihr einen Zettel dagelassen: Essen steht im Kühlschrank. Kuss. Ein guter Mann. Und er verdient wirklich viel. Nach zehn Jahren war das Haus schon abbezahlt. In ihrer Wut wirft sie das Essen aus dem Kühlschrank ins Klo. Das wars, warum sie endlich aufstehen konnte: Sie musste das Essen ins Klo werfen. Und dann spülen . Und das Klo putzen. Gründlich.

Als sie sich damals trafen, studierten sie beide. Es fiel ihr schwer. Auch ihm. Aber er biss sich durch und nahm auch alles nicht so genau. Er konnte eine Klausur schreiben, ohne sich vorzubereiten, weil er mit den Kumpels tauchen ging. Er fiel dann durch, aber beim zweiten Versuch schaffte er es. Trotz Schnupfen, Husten, Heiserkeit. Fürsorglich hatte sie Salbeibonbons in seine Federmappe gelegt. Dann wurde sie schwanger.

Sie steht vor dem Klo und starrt hinein. Es ist ein schönes Klo in einem schönen Bad. Toilettenpapier hinter den Fliesen versenkt und nur auf Knopfdruck abrufbar. Für alle Technik ist er zuständig. Sie kriegt die abgelegten Handys der Kinder.

Nach dem Starren ins Klo starrt sie in den Spiegel. Das Haar gebleicht, die Wangen gebräunt. Vielleicht ist irgendwo ein graues Haar. Noch nicht. Später, wenn sie es aufgegeben hat, die grauen Haare mit der Pinzette auszurupfen und findet, es sieht doch "eigentlich" gut aus, wird sie sich erinnern an diesen Moment im Bad vor dem Spiegel, an dies zweite oder dritte oder vierte Mal, später, nach dem endgültigen, letzten Mal, als die Kinder fertig sind und ausgezogen, als er sich dann doch umgedreht hat in die Freiheit hinter dem Rücken und ihre Hände vorne nichts mehr zum Greifen hatten. Vor den ganzen empfindlichen Weichteilen des Mannes steht nun eine andere Frau., die ihr verblüffend ähnlich sieht. Immer wieder ist sie verdutzt, wie ähnlich sie ihr sieht, diese Frau, von der sie denkt, dass sie ihr doch alles weggenommen hat. Und dann würde sie sie gerne hassen, eigentlich, aber sie findet sie sympathisch und das macht es nicht leichter.

Es ist auch deshalb nicht leichter, weil sie nicht weiß, was sie ihr "eigentlich" weggenommen hat, denn sie ist gut versorgt, das Bad mit dem hinter Fliesen versenkbaren Toilettenpapier noch immer ihres, den Mann vermisst sie "eigentlich" nicht. Während er auf ihr gestöhnt hatte in den letzten Jahren, hatte sie allzu oft an Kochrezepte oder die neuen Gardinen gedacht. Auch an diesen Schauspieler aus der Serie im Fernsehen, den mit der Halbglatze, "eigentlich" nicht wirklich schön.

Eigentlich, denkt sie, sollte sie sich engagieren. Vielleicht in der Flüchtlingsbetreuung.