Geschrei

Geschrei


Wenn das, was wir immer wollten, tatsächlich eingetreten ist und wir so völlig satt und selbstzufrieden mit beiden Füßen irgendwo auf dem Boden herumstehen oder vielleicht sitzen wir auch, z.B. auf der Terrasse des Penthouses, das wir uns leisten können, auf dem teuren Stuhl, den wir uns leisten können, ein Glas Rotwein neben uns, ent-spannt, all-ein, dann ist die Zeit, dass das, was auf dem Weg dorthin verschüttet wurde, wieder ans Licht gespült wird, nicht selten in Form einer Störung, z.B. in Form des Gekreisches des Kindes aus dem ersten Stock im Nebenhaus. Wenn wir noch das Glück haben, in einem Viertel zu leben, in dem es nicht wirklich gelingt, sich mit geschlossenen Augen der eigenen Buddhanatur hinzugeben.

Erst dachte sie, da sei irgendwo ein läufiger Kater. Das Gekreische war durchdringend und extrem unangenehm. Dieses Kind, vielleicht zwei oder drei Jahre alt, gab keine Ruhe. Es jaulte, es jammerte, es schrie, dass es weh tat. Zuerst waren diese Laute einfach da, durchstachen die laue Sommerabendluft, zerschnitten die Stille. Es war unmöglich, nicht wissen zu wollen, wo das herkam. Noch schlimmer war es, dass auf das Geschrei nach einiger Zeit

eine Antwort erfolgte, die es stoppen wollte: ein "Halt endlich deine verdammte Klappe!", laut, schrill, schnell, aggressiv, die das Gegenteil erreichte. Das Kind brüllte, die Frau kreischte, dass es aufhören solle, das Kind brüllte lauter weiter, die Frau kreischte lauter zurück. Es war nicht auszuhalten.

Verachtung. Kein Wunder, dass die Welt war, wie sie war. Kinder, die so aufwachsen, was lernen die?"Halt endlich dein verdammtes Maul, verdammt noch mal!". Grell, spitz, schmerzhaft. Vor allem: Was fühlen die? Was geben sie weiter? Das kam von irgendwo da unten. Aus dem Nebenhaus. Das Nebenhaus war stehen geblieben, wie es gewesen war. Nicht saniert. Billig. Himmelherrgottnochmal. Noch immer die alten Mieter drin. Ein Schandfleck. Die Fassade bröckelte. Die Fenster waren trüb.

Tatsächlich stank es im Hinterhof. Bei ungünstigen Windverhältnissen stank es auf ihre Terrasse hinauf. Sie zog es auch vor, da nicht runterzugucken. Die mediterranene Pflanzenkübel und die darin idyllisch mediterran blühenden Pflanzen mitten in der Stadt wussten schon um ihren Zweck.

Wo genau kam dies Gekreische her? Sie schob eine Pflanze zur Seite und blickte hinab. Ein Fenster im ersten Stock stand offen. Ein Handtuch hing heraus. Da kam nie Sonne hin. Das würde kaum trocknen. "Jetzt gib Ruhe!". Gekreische. Würde sie zuschlagen? Hörte man Klatschen? Haut auf Haut? Nein. Nun gut, immerhin das nicht. Gegreine des Kindes. Gebrüll der Frauenstimme. Stiegen hinauf. Verpesteten die Luft. Lösten Schmerz aus. Im Ohr, im Kopf, im Herzen. Scheiße. Doch wieder hier wegziehen? Sowas musste man sich schließlich nicht antun. Wie sollte hier ein Antiprekariatsschutzwall aussehen? Kein Entkommen. Seele in Aufruhr. Die Buddhanatur, geschult in zahlreichen kostspieligen Seminaren verabschiedet sich resigniert winkend, schleicht sich davon und überlässt den Raum einer ziemlich chaotischen Ansammlung verschiedenartigster Gedankenfetzen, wie z.B. Reingehen? Entspannungsmusik laut aufdrehen? Polizei anrufen? Jugendamt? Hingehen? Einmischen? Bürgerpflicht und so weiter. Wenn du hingehst, kriegst du noch eins auf die Fresse. Solche Leute - schwarzgelockte lange Haare über faltigem Gesicht, Raucherhaut, schlechte Zähne oder unmäßig übergewichtig, blutjung - pflegen ja auch gerne mal zuzuschlagen. Mit solchen Leuten argumentieren?

Jedes Handeln in didaktischer Absicht würde nur 3

Widerstand erzeugen? Was tun? Erst mal gar nichts. Wahrnehmen. Annehmen. Was kommt? Erinnerung kommt.

Auf dem Weg nach hier oben, in dieses Penthouse mit der Terrasse in Natursteinfliesen, hat es Augenblicke gegeben, in denen sie, hilflos, überfordert, auch geschrien hatte wie diese Frau. Das Projekt war nicht fertig. Das Baby hatte Zahnschmerzen, morgen war Abgabetermin. Sie wollte nur schlafen, schlafen, vertraute darauf, am nächsten Tagm trotz

fehlenden Abschlusses, die Präsentation irgendwie hinzukriegen, wenn sie nur schlafen könnte, am nächsten Morgen frisch sei, Frau ihrer Sinne, klarer Kopf, dann würde das trotzdem schon klappen, irgendwie. Sie war kompetent. Aber das Baby hörte zu schreien nicht auf. An Schlaf war nicht zu denken. Wenn ihr vor Erschöpfung die Augen zufielen und Entspannung gerade begonnen hatte, wachte das Baby wieder auf, fing an zu kreischen, verlangte von ihr, die selber keine Ruhe hatte, beruhigt zu werden. Wie aber geben, was man selbst nicht hat? Da schrie sie. Brüllte das Kind an, es solle, verdammt noch mal, Himmelherrgottnochmal, endlich die Klappe halten, das verdammte Arschloch, das sie ansah mit ungläubigem Staunen in den großen, tränennassen Augen und endlich

zwei, drei, vier Sekunden schwieg, um dann umso lauter wieder den Mund aufzureißen, in dem der Kehlkopf vibrierte, als hätte man ihn an einen Verstärker angeschlossen. Die Hölle.

Es hatte nicht nur eine solche Nacht gegeben. Und sich selbst zu vergeben war das Schwerste gewesen. Während der Augenblick diese Bilder erschafft, fließen Tränen und verschmieren das Augen-Make-Up. Vorsichtig tastete sich die Buddhanatur wieder heran. Weinend, aufgelöst, mit schwarzen Flecken auf den Wangen verunstaltet geht sie, ohne in einen Spiegel zu sehen, denn das braucht sie nun nicht mehr, sie kann jetzt geben, was sie selbst hat, aus dem Haus, zu der Frau, die schreit, nicht schwarzgelockt übrigens, sondern schlecht blond gefärbt, das graue Haar kommt durch im Ansatz und Zähne hat sie tatsächlich nur rudimentär. Aber sie öffnet die Tür.


Hier geht es um den Mars, die schreiende Frau zeigt ihre Aggression, die reagierende Frau greift in das Geschehen ein, bleibt nicht gleichgültig, handelt.

Auch wesentlich ist der Merkur: Es geht um Kommunikation.

Die nur gelingen kann, wenn wir den anderen nicht abwerten, als gleichwertig akzeptieren. Das ist möglich, wenn wir alles, das uns in der Außenwelt begegnet, als Spiegel sehen können.

Hier wiederum ist angesprochen das siebte Haus, die Begegnung mit dem anderen.