Nach Hause

Nach Hause


Mitten in der Nacht wachte sie auf und wollte endlich nach Hause. Keine Ahnung, wo das war. Sie wuchtete den schweren alten Koffer vom Schlafzimmerschrank, warf ziemlich wahllos Sommer - und auch Winterkleidung hinein - man wusste ja nie, was einen erwartete, und es war besser, immer auf alles vorbereitet zu sein. Im Zimmer stehend fragte sie sich, was sie noch alles mitnehmen müsse und entschied, dass sie mehr nicht tragen könnte. Zwar hing sie an dem einen oder anderen Gegenstand, auch an manchen Möbelstücken, aber so sehr nun auch wieder nicht, dass sie sich damit beschweren wollte.

Sie schloss die Wohnungstür dreimal ab und blieb dann, den Koffer in der Hand, auf dem Treppenabsatz stehen. Vage glaubte sie sich zu erinnern, dass sie, um nach Hause zu kommen, einen Zug nehmen müsste, aber die Abfahrtszeit hatte sie wohl vergessen. Macht nichts. Sie würde am Bahnhof fragen.

In jedem Fall war es jetzt soweit. Hier, in diesem Haus, sie stieg die Treppe hinab, war sie eine Zeitlang gewesen. Wie auch in anderen Häusern, anderen Wohnungen. Man bleibt da eine Weile, und dann muss man wieder weg. Warum wusste sie nicht mehr. Aber jetzt war es Zeit, nach Hause zu gehen. Wohin denn sonst? Wenn sie nur wüsste, wo das war. Hier jedenfalls war es nicht. Sie ließ die Haustür hinter sich zufallen

und stand auf der Straße. War Zuhause nach rechts oder nach links? Daran erinnerte sie sich nicht. Aber sie musste ja wohl mit dem Zug fahren, und also schlug sie den Weg zum Bahnhof ein. Niemand sonst auf der Straße, selten fuhr ein Auto vorbei. Dinge waren in Schaufenstern zu sehen, Hosen zum Beispiel, Reisekataloge. Sie sah nicht gut im Dämmerlicht, stolperte über die Bordsteinkante, fing sich aber wieder. Der Koffer hing schwer an ihrem Arm. Sie hatte die Handtasche vergessen, die Tasche mit allen Papieren, auch dem Geld. Aber egal, zuhause würde sie sie nicht brauchen, da wäre für alles gesorgt.

Der Mond stand hoch über den Dächern und schaute skeptisch hinab. Grundlos. Sie war sich ganz sicher. Irgendwo dahinten war Zuhause und jetzt war es Zeit. Sie war schon zu lange geblieben, in diesem Haus, dieser Stadt, wahrscheinlich sogar diesem Land, das war nicht ganz klar. Hinter einem Zaun bellte ein Hund, als sie vorbeiging. Ihre Schuhe knirschten auf Kies und klackerten auf Asphalt. Der Weg zum Bahnhof war doch ganz schön weit. Und sie wusste ja auch gar nicht, wann der Zug fuhr und ob überhaupt heute noch. Da konnte sie auch gleich zu Fuß gehen. Bevor sie da die Nacht am Bahnhof verbrachte, wo alles geschlossen war, konnte sie auch zu Fuß nach Hause gehen. Das wäre womöglich gar schneller.

Am Ende der Straße begann das offene Feld. Ich bin tatsächlich alt, dachte sie verwundert, als sie auf ihre geschwollenen Füße in den uneleganten Gesundheitsschuhen herabsah. Ich muss mich mal setzen. Mangels Bank setzte sie sich gleich auf den Boden unter einen Baum und lehnte sich an seinen Stamm. Über die Hand kroch eine Ameise, der sie ihren Entschluss, nach Hause zu gehen mitteilte. Ebenso dem Baum, dessen Krone sie als angenehm schützend empfand. Aha, antwortete der Baum. Und sie könne auch gerne bleiben. Was sie denn zuhause wolle? Darüber dachte sie kurz nach, kam zu keiner Antwort und zuckte mit den Schultern. Dann stand sie auf und ging weiter. Hier sei auch zuhause, rief ihr der Baum noch nach, bestand aber nicht darauf, sondern winkte mit den Zweigen zum Abschied. Mit dem rechten Arm winkte sie zurück und merkte dabei, dass der Koffer nicht mehr am Arm hing. Egal. Sie war ja angezogen, und zu Hause wäre für alles gesorgt. Es ging sich ohne Koffer auch viel leichter. Als eine erste Ahnung des neuen Tages schon spürbar wurde, kam sie in ein Waldstück und stand plötzlich vor einem Hirsch. Der Hirsch hatte ein mächtiges Geweih und bewegte sich nicht. Auge in Auge mit dem Hirsch stand sie auf dem Waldweg und hätte so stehen bleiben können, aber dann erinnerte sie sich, dass sie nach Hause musste und sagte dem Hirsch, er solle mal den Weg freimachen, was der höflich auch tat, indem er mit schnellen

Sprüngen verschwand. "RRRÖÖÖÖHHHHRRRR" sagte sie laut in die Stille. Aber das war wahrscheinlich eine falsche Vokabel.

Da sie mächtig Durst hatte, beugte sie sich über einen Bach und schöpfte Wasser in die hohle Hand und trank. Als sie wieder aufstehen wollte, merkte sie, dass sie sehr müde war und entschied, den Weg ein wenig zu unterbrechen und zu schlafen. Der Boden war kühl, aber weich. Sie karrte ein paar Blätter und Moos zusammen und bettete ihren Kopf darauf. Sie würde ganz schön schmutzig werden, aber egal, zu Hause könnte sie baden und alles wäre wieder rein.

So fand sie ein Jogger, der ungläubig den Kopfhörer aus den Ohren nahm und sich näherte. Als er sich über sie beugte mit heftig klopfendem Herzen, denn er fürchtete, eine Tote zu sehen, schlug sie die Augen auf, richtete sich auf und sich kurz das Haar und sagte Entschuldigung. Sie wolle nach Hause, aber sie habe sich mal eben ausruhen müssen. Obwohl sie ihm versicherte, dass er sich keine Mühe machen müsse, nahm der Jogger das Handy aus der Bauchtasche und informierte die Polizei. Wie sie denn heiße? Das hatte sie leider vergessen. Die Adresse auch, aber das sei sowieso nicht ihr Zuhause gewesen. Wohin sie denn wolle? Nach Hause. Leg dich einfach wieder hin, sagten die Blätter und das Moos, hier bist du zu Hause. Da legte sie sich wieder hin und fühlte sich ganz wohl. Als

man sie in ein Heim gebracht hatte und sagte, hier sei sie nun zu Hause, fühlte sie sich auch ganz wohl. Sie konnte sogar baden. Irgendwann einmal war sie in einer Wohnung gewesen, in der noch immer einige Dinge standen, an denen sie hing, das war wohl mal ein Zuhause gewesen. Auch andere Wohnungen, eine Zeitlang. Man zog wohl einfach irgendwie weiter, warum auch immer. Im Grunde hatte der Baum also wohl Recht gehabt.



Auch hier geht es um Neptun: Orientierungslosigkeit, Verwirrung, geistige Unklarheit.

Angesprochen ist aber auch das Mond-Prinzip: Zuhause ist Geborgenheit, Sicherheit, der Schoß der Kindheit, nach dem sich die Frau vielleicht sehnt. Gerade im Alter kommen die Erinnerungen, Sehnsüchte, die auch dem Mond.Prinzip entsprechen, oft verstärkt hervor.

Angesprochen wird auch das Prinzip des Pluto: Die Frau könnte tot sein.

Da wir alle diese Anteile immer in uns tragen, kann Zuhause überall sein, wo wir sind., ist immer die Welt unser Zuhause. Das ist auch unabhängig davon, wie geistig klar, intelligent oder was immer wir sind.

Der Tod, der Pluto, hat sie erstmal noch davon kommen lassen. Aber irgendwann wird er kommen und sie in ein neues Zuhause führen.

Angesprochen ist auch das 12. Haus: Ein Zyklus, in diesem Fall ein Leben, geht zu Ende.